Alte Kleider – Neue Träume 4

Wer ist der ominöse Dieb bei New Vintage? 

Und wie der überhaupt erst entdeckt wurde, lest in Alte Kleider – Neue Träume 3

„Das glaube ich jetzt nicht. Dieses kleine Früchtchen. Na warte, wenn die heute nach Hause kommt …“ ungläubig starrt Mini auf das eingefrorene Bild ihrer Tochter Svenja und einem ihr unbekannten Mädchen, „wir sind doch kein Selbstbedienungsladen und überhaupt – daheim sieht der Kleiderschrank aus wie ein Schlachtfeld, aber hier kann sie falten? Das kann sie dann schön die nächsten zwei Wochen weitermachen, nach der Schule, als Strafmaßnahme.“ ereifert sich die kleine Ladenbesitzerin und nimmt dabei die Farbe einer reifen Kirsche an. „Ruhig meine Rote.“ beschwichtigt Hanna, „lass sie erstmal erklären, dann kannst Du immer noch schimpfen.“ „Na klar, was denkst Du denn? Mich interessiert brennend, was in dem kleinen grünen Hirn so vor sich geht. Aber wenn die Erklärung nicht gut ist, dann gibt es Bügeldienst bis zur Hochzeit. Und glaub mir, bei der ganzen Arbeit wird sie keine Zeit zum Daten und Verlieben haben.“

Völlig ahnungslos, dass ihr Vergehen aufgeflogen ist, kommt Svenja am Nachmittag von der Schule. „Hallo Mama!“ „Hallo Svenja! Wie war die Schule?“ „Ganz gut, wir haben heute in Geschichte mit den Ägyptern angefangen und Herr Ti hat mich gelobt, weil ich schon so viel darüber weiß.“ strahlt das Mädchen. „Das freut mich. Dann leg mal ab und im Anschluss erwarte ich Dich in der Küche. Wir zwei haben was zu bereden.“ Mini verschwindet und Svenja ahnt, dass das Gespräch keinen freudigen Hintergrund hat.

„Hier bin ich. Was ist denn Mama?“ „Setz Dich. Möchtest Du was trinken?“ Das Kind nickt und Mini schenkt zwei Gläser Wasser ein. „Wir haben seit einiger Zeit die Heinzelmännchen im Laden. Die nehmen fast jede Abend ein zwei Klamotten mit und bringen die am nächsten Tag gebügelt und ordentlich gefaltet zurück. Und jetzt haben sie uns ein nettes Video mit der Überwachungskamera gedreht. Möchtest Du es mal sehen?“ Svenja wird auf ihrem Stuhl immer kleiner und kleiner. „Es tut mir leid. Ich wollte nichts Böses machen, ich wollte nur Ann-Kathrin helfen. Ganz ehrlich.“ „Ist Ann-Kathrin das Mädchen neben Dir im Laden? Von der hast Du noch nie gesprochen.“ Minis Ton wird beim Anblick ihrer elend dreinschauenden Tochter weich. „Ann-Kathrin ist neu in unserer Klasse. Die ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen und wohnt jetzt bei ihrer Oma und ihrem Opa. Und Mama, Du glaubst es nicht, aber die muss sich anziehen wie ihre Oma und alle in der Schule mobben sie dafür. Nur ich nicht. Ann-Kathrin ist meine Freundin und ich wollte doch nur, dass sie auch cool aussieht und keiner mehr lacht. Wir wollten die Sachen ja auch gar nicht behalten, nur ausleihen. Ich weiß doch, dass Ihr die verkaufen müsst.“ Svenja sieht so erbärmlich aus, dass Mini sie erst einmal in den Arm nimmt.

Eine Stunde später ist sie voll im Bilde über die Pläne der Mädchen und die Hintergründe. Ann-Kathrins Mutter ist aus unbekannten Gründen im Moment nicht in der Lage sich um ihr Kind zu kümmern und ihre Eltern haben die Vormundschaft übernommen. Völlig ahnungslos über die Bedürfnisse eines Neu-Teenies, machen sie, was sie für richtig halten und liegen damit oft daneben. Das Enkelkind wird mit dem Nötigsten versorgt und das kommt aus Gründen der knapp bemessenen Renten zum großen Teil aus Kleiderspenden von Bekannten. Im Gegensatz zu vielen Mitschülern, ist Ann-Kathrins Look dadurch sehr konservativ und altbacken und weil sie zudem noch sehr schüchtern und verschlossen ist, ist sie zum Objekt des Spottes geworden. Nur Svenja hat die Neue in der Klasse sofort in ihr Herz geschlossen und schnell wurden die Mädchen Freundinnen. Weil Mini und Hannas Laden voller trendiger Kinderklamotten ist, hatte sie die Idee, sich mit Ann-Kathrin regelmäßig vor der Schule dort zu treffen und dort für den Unterrichtstag einzukleiden. Der Ersatzschlüssel verschaffte ihnen unbemerkten Einlass und laut Plan hätte auch das Leihen der Kleider unbemerkt bleiben sollen.

„Ach Svenja, ich verstehe Dich ja und ich glaube, ich hätte genau das Gleiche gemacht, aber so geht das nicht mein Schatz. Warum bist Du denn nicht zu mir gekommen und hast mir das alles schon vorher erzählt? Wir hätten doch gemeinsam eine vernünftige Lösung finden können?“ „Ich wollte Dich nicht damit stören. Du und Hanna habt doch im Moment so viel zu tun.“ Mini drückt ihre Tochter an sich und streichelt ihr den Kopf. „Ach mein Kind, Ihr seid doch das Wichtigste für uns. Egal wie viel zu tun ist, für Euch haben wir immer ein offenes Ohr. Versprich mir, dass Du ab sofort immer zu mir kommst. Okay?“ „Okay. Und was machen wir jetzt mit Ann-Kathrin? Alle schauen nur auf ihr Aussehen und keiner macht sich die Mühe sie kennenzulernen.“ Svenja schaut ihre Mutter fragend an. „Die rufen wir jetzt an und dann bitten wir sie und ihre Oma für morgen zu uns zu Kaffee und Kuchen, dann können wir mal zu viert über die Sache sprechen. Wenn es für Deine Freundin okay ist. Und morgen früh komme ich mit, wenn Ihr beiden NewVintage besucht und helfe Euch beim Aussuchen.“

Mit Hannas Unterstützung im Rücken schlägt Mini am nächsten Nachmittag Ann-Kathrins Oma einen Deal vor: Ann-Kathrins Kleiderschrank wird von den beiden Mode-Expertinnen auf den Stand von heute gebracht und die Oma zahlt dafür nur eine Pauschale von 50€ und übernimmt für diesen Tag den Bügeldienst. Außerdem muss sie versprechen, sich ab sofort in Teenie Modefragen an Mini und Hanna zu wenden. Ein Stück Philadelphia Torte besiegelt das Abkommen und zwei 13-jährige Mädchen strahlen um die Wette.

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Wiebke

Wiebke

Geboren 1977 und beschenkt mit 150cm quirliger Lebensgröße.
Lebensumarmerin, Pferdestehlerin, Situationskomikerin, Genießerin und Grüblerin.
Irgendwas zwischen modebegeistert und modekritisch, Schuhrudelführerin und Stilsammlerin.
Mama und Hundefrauchen.
Klein aber fein und trotzdem KEIN PÜPPCHEN!

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