Alte Kleider – Neue Träume

Das Schreiben ist neben der Mode meine Leidenschaft und diese Leidenschaft möchte ich  mit Euch teilen:

Begleitet in kleinen wöchentlichen Episoden die Freundinnen Mini und Hanna, die zwischen Second Hand Kleidern und Kindern ihr Glück suchen. Erlebt mit ihnen zusammen den ganz normalen Alltagswahnsinn und viele lustige Momente rund um ihr eigenes kleines Modegeschäft. 

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Was passiert, wenn zwei Frauen weinselig in lauer Sommernacht auf dem Balkon zusammen sitzen und Hirngespinste spinnen? Richtig! Etwas Gutes!

„Hanna, brauchst Du das Kehrblech noch?“ fragt Mini von hinten aus der Küche. „Ein paar Sekunden noch, dann komme ich mit dem Ding zu Dir. Der Verkaufsraum ist jetzt fertig.“ ruft Hanna zurück. „Prima, die Küche nach dem Aufkehren auch und dann heißt es Feierabend – endlich.“ Hanna betritt den Raum und streckt die langen Glieder aus: „Puh, das wird auch höchste Zeit. Viel Schlaf bleibt uns bis morgen nicht mehr. Ich hoffe, dass die Kinder wenigstens pünktlich in die Betten gekommen sind.“ Mini kippt die volle Kehrschaufel in einen Müllbeutel und schnappt sich die zwei Jacken und Handtaschen, die auf den beiden Küchenstühlen im Raum liegen. Die Freundinnen verlassen ihr Ladenlokal, verschließen sorgfältig die Tür und werfen einen letzten stolzen Blick auf ihr Geschäft.

„NewVintage“ leuchtet in weißer Schrift auf dem apfelgrünen Schild und darunter stehen eine geschmackvoll gekleidete weibliche Schaufensterpuppe sowie eine im Kinderformat. Ein paar Accessoires, liebevoll auf schönen Kisten dekoriert, runden den fröhlich stilvollen Gesamteindruck ab. Mini und Hanna verharren noch einen Moment und gehen dann Arm in Arm in Richtung Heimat. „Hättest Du vor zwei Jahren gedacht, dass wir beide mal ein eigenes Geschäft auf die Beine stellen?“ fragt Hanna. „Nein! Und ehrlich gesagt, glaube ich noch immer nicht, dass das unser Laden ist und wir den morgen eröffnen. Vielleicht bin ich nach der ganzen Renoviererei auch zu kaputt, um überhaupt noch irgendwas zu denken. Ich will einfach nur in mein Bett und mindestens drei Wochen schlafen.“ Mini unterstreicht ihre Worte mit einem herzhaften Gähnen und fährt dann fort: „Ich befürchte allerdings, dass unsere Kinder und unsere hoffentlich zahlreichen Kunden das nicht erlauben werden. Der Wein von damals ist schuld, der war bestimmt schlecht.“ „Ich glaube eher, dass uns die Sonne das Hirn weich gekocht hatte und der Wein hat es nur noch konserviert. Oh man, das muss mal einer nachmachen: Im Suff einen Laden zusammenspinnen und die Idee nüchtern dann erfolgreich umsetzen. Dabei war ein Second Hand Laden hier schon längst überfällig.“ „Wie gut also, dass wir offensichtlich die einzigen weintrinkenden Spinner hier im Viertel sind, sonst hätten wir jetzt noch immer keinen Job.“ grinst Mini und ist froh, endlich an der eigenen Haustür angekommen zu sein. Leise betreten die beiden den gemeinsamen Flur und verabschieden sich flüsternd vor ihren gegenüberliegenden Wohnungstüren voneinander. „Schlaf gut und bis später.“ „Danke, Du auch.“

Müde fällt Mini 10 Minuten später in ihr Bett und ist so schnell eingeschlafen, dass sie keine Zeit mehr hatte, um noch einmal über „NewVintage“ nachzudenken. Kein Wunder, denn es liegen ereignisreiche und stressige Monate hinter den Freundinnen und die letzten Tage hatten dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt. Aber jetzt ist der kleine Laden fertig renoviert, mit neuen Möbeln ausgestattet und das bisschen Ware ansprechend eingeräumt. Alles ist bereit für einen beruflichen Neuanfang. Den privaten hatten beide Frauen mit ihren Kindern schon hinter sich gebracht und hatten sich ein neues besseres Leben aufgebaut. Was zum perfekten Glück noch fehlte, das war ein Job, aber da rannten Mini und Hanna als alleinerziehende Mütter immer vor die gleichen Wände bzw. kinderunfreundliche Personalchefs. Wenn der Job nicht zum willigen Arbeitnehmer kommt, dann schafft der sich einen eigenen Arbeitsplatz und so wurde im weinseligen Bewerbungsfrust „NewVintage“ geboren.

Eigentlich war die Idee nur zu logisch und naheliegend. Hanna hat eine kaufmännische Ausbildung und das nötige Know How für alles, was mit der Büroarbeit und Buchhaltung zu tun hat. Mini kommt zwar aus der Pflege, ist aber Fashion Victim und leidenschaftliche Shopperin in Personalunion. Den Blick für Mode haben beide Frauen und auch den Spaß daran. Was es kostet, sich und die Kinder gut einzukleiden, das wissen sie nur zu gut. Oft genug schon hatten sie deshalb das Fehlen eines Second Hand Ladens in der Nähe bedauert, der ihr knappes Budget hätte schonen können.

Das Schicksal hatte am Ende ein bisschen nachgeholfen, denn einen Monat nach dem Rotweinabend wurde der kleine An- und Verkauf in der vierteleigenen Mini-Einkaufsmeile aus Altersgründen aufgegeben. Die Räumlichkeiten waren perfekt und durchaus bezahlbar und nach vielen nervenzehrenden Bank-, Amts- und Anwaltsgängen war „NewVintage“ offiziell geboren. Morgen würden sich zum ersten Mal die Türen für all diejenigen öffnen, die auf der Suche nach guter Marken Second Hand Ware sind oder selbige gerne verkaufen möchten. Egal ob Kind, Frau oder Mann, alle Bereiche sollen bedient werden, auch wenn die Herrenabteilung noch sehr dürftig bestückt ist.

Ohne Gnade schrillen um 6:30 Uhr zwei Wecker und reißen Mini und Hanna aus einem kurzen, aber sehr tiefen Erschöpfungsschlaf. „Heute ist der große Tag!“ schießt es Hanna durch den Kopf und treibt die Neu-Unternehmerin im Laufschritt unter die Dusche. Eine Stunde später stehen sie und Mini in Hannas Küche und zaubern aus Pumpernickel, Gurke, Frischkäse, geräuchertem Lachs und anderen Köstlichkeiten kleine Kanapees für die Eröffnungsfeier.

„Wann kommen Deine Eltern die Kinder abholen?“ „So gegen neun. Und wann holt Deine Schwester Deine Truppe ab?“ fragt Hanna zurück und leckt sich dabei Frischkäse vom Zeigefinger. „Die nimmt die Beiden mit, wenn sie zur Eröffnung kommt. Wir haben also noch vier Arme mehr zum Schleppen.“ „Das ist gut, Arme können wir heute nicht genug haben, hoffe ich.“ Die zwei Freundinnen lächeln sich an und arbeiten motiviert weiter.

Um Punkt 10:00 Uhr schließen sie zum ersten Mal offiziell die Ladentür des „NewVintage“ auf. Die Familien und Freunde strömen mit Blumen und kleinen Geschenken beladen in das Second Hand Mode Geschäft. Sogar zwei drei Nachbarn schauen sich neugierig und interessiert die Kleidungsstücke an. „Frau Seifert, haben sie auch Kleider in Größe 122 für meine Enkelin? Meine Tochter kommt morgen mit der Kleinen zu Besuch, dann könnte ich sie damit überraschen.“ fragt eine ältere Dame. „In Größe 122? Mh, darf ich ihnen den Tipp geben lieber Größe 128 zu nehmen Frau Lange, dann hat die kleine Luna länger etwas von dem Kleid.“ antwortet Mini, geht zu einem Kleiderständer und zaubert ein rotes Kleidchen mit einem weißgepunkteten Rock zu Tage. „Das wird ihr bestimmt gefallen, oder dieses hier aus Jeansstoff, das ist auch sehr süß.“ Die Kundin betrachtet beide Kleidungsstücke, befühlt die Stoffe und man sieht ihr die Unentschlossenheit an. „Die sind so hübsch, da kann ich mich gar nicht entscheiden. Was sollen sie denn kosten?“ „Mit Nachbarschaftsrabatt und wegen ständiger Lolliversorgung unserer Kinder bekommen sie beide Kleider für 8€.“ Frau Lange strahlt und drückt Mini herzlich. „Das mit den Lollis mache ich doch gerne. Danke Frau Seifert!“

„Verschenkst Du jetzt schon unsere Ware?“ zwinkert Hanna ihrer Freundin zu, nachdem die ältere Dame das Geschäft verlassen hat. „Ach weißt Du, Frau Lange hat doch nur so eine kleine Rente und die 4€ Rabatt werden uns bestimmt nicht in den vorzeitigen Ruin treiben. Außerdem war das gerade eine sehr günstige Werbung für uns. Die gute alte Seele hat nämlich einen riesigen Freundeskreis, der mit zahlreichen Kindern und Enkelkindern gesegnet ist.“ „Ich sehe schon, da versteckt sich neben Deinem inneren Sankt Martin doch noch eine knallharte Geschäftsfrau in Dir.“ lacht Hanna.

Am Montag berichtet die Lokalzeitung von der Eröffnung und dem Ladenkonzept der beiden Frauen und garniert den Artikel mit einem Foto aus dem „NewVintage“. „Mehr kostenlose Werbung geht nun wirklich nicht. Aber das Foto …“ Mini schüttelt lachend den Kopf und betrachtet noch immer die kleine Schwarz-Weiß Fotografie, die sie und Hanna hinter der Kasse zeigt. „Mit der Kasse vor mir sieht kein Mensch mein Outfit, dabei war das so schick.“ „Du hast gut reden. Auf meinem Shirt prangt ein dicker Orangensaft Fleck und den sieht gerade leider jeder.“ klagt Hanna. „Na gut, Du hast gewonnen. Du jammerst definitiv auf dem höheren Niveau.“

Eine Kundin betritt den Laden. „Guten Tag, können wir Ihnen helfen?“ Wie zwei alte Hasen bedienen Mini und Hanna die Dame und im Laufe des Tages noch viele mehr. Das „NewVintage“ läuft erfolgreich an.

About the author

Wiebke

Wiebke

Geboren 1977 und beschenkt mit 150cm quirliger Lebensgröße.
Lebensumarmerin, Pferdestehlerin, Situationskomikerin, Genießerin und Grüblerin.
Irgendwas zwischen modebegeistert und modekritisch, Schuhrudelführerin und Stilsammlerin.
Mama und Hundefrauchen.
Klein aber fein und trotzdem KEIN PÜPPCHEN!

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